Bereich C: Wissenschaftliche Arbeit im Bereich von Sterben,
Tod und Trauer(n) – Scientific work in the field of dying, death and bereavement

1 Die Todesthematik im gesellschaftlichen Diskurs. Klärungen und eine Positionsbestimmung

Das Sterben von Menschen, die Begegnung mit Toten und die Trauer um sie sind emotional bewegende Ereignisse, und allein die gedankliche Beschäftigung mit ihnen fordert eine spontane Stellungnahme heraus. Fragen in diesem Kontext, welche die Gesellschaft insgesamt unter dem Gesichtspunkt der ethischen Vertretbarkeit angehen, betreffen die (aktive) Sterbehilfe, die (ärztlich) assistierte Selbsttötung, aber auch den Umgang mit Verstorbenen. Stellungnahmen zu diesen relativ eng umschriebenen Themenbereichen sind häufig überlagert von einer allgemeinen Botschaft, die man in Anlehnung an die nordamerikanische Death Awareness Movement die „Bewegung des Todesbewußtseins“ nennen kann. Ihr Anliegen besteht darin, durch einen offenen und bewußten Umgang mit allen Aspekten von Sterben, Tod und Trauer zu einem reicheren Leben für den Einzelnen, indirekt aber auch zu mehr Lebensqualität für das gesellschaftliche Leben als Ganzem beizutragen. Für die Hospizbewegung gehört die Vision einer höheren Lebensqualität infolge eines bewußteren Umgangs mit Sterben und Tod zu den Grundlagen ihrer Arbeit.

Am gesellschaftlichen Diskurs über die Art une Weise des Sterbens und eine „Sterbekultur“ sind verschiedene Gruppierungen beteiligt, die jeweils spezifische Interessen verfolgen: Die Kirchen, die Ärzteschaft im allgemeinen, die Palliativmediziner im besonderen, die Hospizbewegung, die Rechtsprechung. Hinzufügen könnte man noch die amorphe Gruppe der „Bürger“ bzw. Wahlberechtigten, deren Ansichten in Meinungsumfragen zum Ausdruck kommen. Daß es zwischen einzelnen dieser Gruppierungen, etwa der Rechtsprechung einerseits und den Kirchen andererseits, Meinungsverschiedenheiten bezüglich der oben aufgeworfenen Fragen gibt, ist ein selbstverständlicher Vorgang in einem pluralistischen Gemeinwesen und auch damit zu erklären, dass es weltanschauliche Neutralität in der Diskussion um Sterbekulturen nicht gibt. Bemerkenswert ist hingegen die Art der Argumentation. Sie ist nämlich meist von impliziten Annahmen geprägt, d.h. von Annahmen, die nicht als solche kenntlich gemacht werden. Ein Beispiel für eine solche implizite Annahme ist die der Heiligkeit des Lebens bzw. die Sicht des (menschlichen) Lebens als Geschenk Gottes. Wer an Gott glaubt, wird diese Annahme teilen und auch die daraus folgenden Handlungsanweisungen (z.B. die strikte Ablehnung der Tötung auf Verlangen). Korrekterweise müßte ein gläubiger Christ sich als solcher zu erkennen geben und seine Haltung mit der genannten Annahme begründen. Ebenso müßte die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Interessengruppe dargelegt werden.

Die Verwendung impliziter Annahmen im öffentlichen Diskurs um Sterben, Tod und Trauer geht vielfach einher mit der Vermengung von zwei Rollen bzw. Funktionen. Da ist zum einen die Rolle des sachkundigen Experten, der in der Regel an akademischen Titeln erkennbar ist. Da ist zum anderen der (mehr oder weniger) gebildete Laie, dessen private Meinungsäußerung das gleiche Gewicht hat wie die jedes anderen Laien. Wenn nun jemand, der seine persönliche Ansicht zu einer Frage A im Kontext der Todesthematik äußert, dies mit seiner Funktion als Sachkundiger auf dem Gebiet B verknüpft (etwa indem er sich mit Titeln und Berufsbezeichnung vorstellt oder vorstellen läßt), liegt die Vermengung zweier Rollen vor. Was eigentlich die Ansicht eines Laien ist, erfährt durch seinen akademischen und/oder beruflichen Status auf einem anderen Gebiet eine qualitative Aufwertung. Dies ist unredlich, denn für diejenigen Rezipienten derartiger Meinungsäußerungen, welche die Hintergründe nicht zu durchschauen vermögen, ist damit eine Autoritätssuggestion verbunden. „Ja, wenn der Professor das sagt, muß doch was Wahres dran sein.“ Menschen mit einem Professorentitel unterstellt man gern Kompetenz auf jedem Gebiet. So erhält die persönliche Meinungsäußerung eines Laien ungerechtfertigter Weise ein Qualitätssiegel.

Daraus ergeben sich zwei Forderungen:

  1. Jeder, der sich öffentlich zu ethisch-moralischen Fragen der Todesthematik äußert, sollte seinen weltanschaulichen Hintergrund offenlegen. Spricht er/sie als gläubiger Christ oder als Agnostiker? Gehört er/sie einer bestimmten Interessengruppe an und hat sich deren Ziele zu eigen gemacht?
  2. Jeder, der sich öffentlich zu Fragen der Todesthematik äußert, sollte sagen, in welcher Rolle er/sie gerade spricht: Als Experte für dies oder jenes oder als Laie? Ist ersteres der Fall, darf man von ihm/ihr Aussagen erwarten, die sich allein auf den Kenntnisstand seines Fachgebietes stützen, als Laie sind hingegen beliebige Meinungsäußerungen möglich. Man beachte: Auch der ausgewiesenste Experte ist auf fast allen Gebieten Laie.

Mit diesen Forderungen befinde ich mich in Einklang mit der Position des kritischen Denkens in der Psychologie (siehe Slife, Reber & Richardson, 2005).

Auf dieser Homepage äußere ich mich ausschließlich als Wissenschaftler auf dem Gebiet der Psychologie und allenfalls angrenzenden Gebieten wie der Soziologie unter Berücksichtigung empirisch begründeter Erkenntnisse und sachlogischer Analysen. Meine privaten Ansichten zu ethisch-moralischen Fragen sowie zu gesellschaftlichen Entwicklungen wie der Bewegung des Todesbewußtseins gehören nicht hierher. Als Wissenschaftler bin ich Agnostiker, insofern vergleichbar einem Richter, der sich bei seinem Urteilsspruch auch nicht von einer Ideologie (z.B. Christentum, Marxismus) leiten läßt. Ich bin auf Niemandes Seite, singe niemandes Lied: Nicht das der Kirchen, nicht das der Hospizbewegung, nicht das der Palliativmedizin und nicht das Lied derjenigen, die sich die Suizidprävention auf ihre Fahne geschrieben haben. Wie der gute Journalist mache ich mich mit keiner Sache gemein – auch nicht mit der (vermeintlich) guten. Ich bin auf meiner eigenen Seite, und die vertritt das Bestreben, mit den Mitteln der wissenschaftlichen Psychologie herauszufinden, wie die Dinge in diesem Teilbereich des menschlichen Lebens sind. Wer mir naiven Positivismus vorhält, den bitte ich, „naiv“ durch „aufgeklärt“ oder „kritisch“ zu ersetzen, ansonsten aber kann es dabei bleiben. Diese Haltung entspricht dem Wertfreiheitspostulat Max Webers bzw. der Wertneutralitätsthese bei Schurz (2011, S. 45f.).

2 Psychologische Forschung zum Erleben und Verhalten gegenüber Sterben, Tod und Verlust

Das Sterben wichtiger Bezugspersonen, die Trauer über ihren Verlust und der Gedanke an das eigene Lebensende beschäftigen die Menschen mit wechselnder Akzentuierung immer wieder während ihres ganzen Lebens. Nicht wenige sind beruflich oder ehrenamtlich in der Betreuung und Begleitung Sterbender engagiert. Andere tragen durch Veranstaltungen der Aus-, Fort- und Weiterbildung dazu bei, den Umgang mit Sterbenden sowohl für die Betreuenden als auch für die Sterbenden zu verbessern.

In Deutschland gibt es eine gehörige Portion Skepsis, wenn es um die Frage geht, ob der Sterbeprozeß einerseits und das Erleben und Verhalten beim Gedanken an Sterben und Tod andererseits wissenschaftlich erforschbar seien. Die Ergebnisse einiger weniger Forschungsvorhaben werden nicht in deutschsprachigen Fachzeitschriften publiziert, und auch in internationalen Fachzeitschriften ist die Zahl der Publikationen deutschsprachiger Autoren sehr gering. Mit Blick auf das Forschungsgebiet „Sterben, Tod und Trauer“ besteht eine merkwürdige Abschottung der deutschsprachigen Psychologie von den Aktivitäten in anderen Ländern. So sehr die Todesthematik in der populärwissenschaftlichen Literatur Konjunktur hat, insbesondere wenn es um die Begleitung Sterbender und Trauernder geht, so wenig gibt es hierzulande wissenschaftliche Arbeiten auf diesem Gebiet, das sehr viel mehr umfaßt als nur Sterbe- und Trauerbegleitung.

Auch auf der internationalen Ebene drängt sich dem Betrachter der Eindruck auf, die wissenschaftliche Beschäftgung mit Sterben, Tod und Trauer führe eine Art Eigenleben. Demnach beschäftigt sich ein kleiner Kreis von Wissenschaftlern mit Einstellungen zu Sterben und Tod, mit der Entwicklung des Todeskonzepts beim Kind, mit Erlebens- und Verhaltensweisen während des Sterbeprozesses, mit den Auswirkungen der Begleitung Sterbender auf die Betreuungspersonen, mit den Reaktionen auf Verlusterleben nach dem Tod einer Bezugsperson, mit der Wirkung von Trauerbegleitung und -therapie sowie mit weiteren Fragen in diesem Kontext. Dieser Eindruck entsteht, weil das Mutterfach, die Psychologie, ihre Tochter, die Thanatopsychologie, bisher nicht als solche angenommen und ihr noch keinen Platz in der Familie zugewiesen hat. (Vielleicht hat sich die Tochter aber auch gar nicht um Familienanschluß bemüht.) Sieht man aber von dem familiendynamischen Aspekt der Beziehung zwischen Mutterfach und Tochterfach ab und konzentriert sich auf die Sache selbst, so bestehen vielfältige Verbindungen zwischen der Psychologie des Todes und anderen Teilgebieten der Psychologie.

Von bestimmendem Einfluß war von Anfang an die Klinische Psychologie und die ihr eigene Ausrichtung auf psychische Auffälligkeiten, Störungen und daraus folgend auf Behandlungsmaßnahmen. Ausgehend von der Betreuung Sterbender stand für die Forscher, die überwiegend einen klinisch-psychologischen oder psychiatrischen Hintergrund hatten, auch mit Blick auf die Einstellungen zu Sterben und Tod die Angst im Focus des Interesses; es dauerte Jahrzehnte, bis mit dem Aufkommen der Positiven Psychologie auch eine akzeptierende Haltung berücksichtigt wurde. Auch bei der Erforschung von Belastungen (Streß), denen die Betreuungspersonen bei der Begleitung Sterbender unterliegen, lag das Augenmerk auf Beeinträchtigungen und den Möglichkeiten zu ihrer Minderung. Im Prinzip hat man es hier mit einer Fragestellung der ABO-Psychologie zu tun. Bei der Entwicklung von Untersuchungsverfahren, insbesondere von Fragebogen, ging es zunächst um die Angst vor Sterben und Tod; wie bereits erwähnt, kam die Erfassung einer akzeptierenden Haltung erst sehr viel später hinzu. Schließlich stand bei der Erforschung des Trauerprozesses neben der klinisch-psychotherapeutischen Perspektive die Frage im Vordergrund, ob Trauern zu körperlichen Gesundheitsschäden führe und damit letzten Endes gesundheitspolitisch relevant sei. Man sieht also, daß ein Anwendungsfach, nämlich die Klinische Psychologie, die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sterben, Tod und Trauer geprägt hat, und dieser frühe Einfluß ist auch heute noch wirksam. Daneben ist es vereinzelt zur Anbindung thanatopsychologischer Vorhaben an neuere Teilbereiche der Psychologie gekommen wie die Gerontopsychologie und die Gesundheitspsychologie, die ihrerseits sogenannte Querschnittsfächer sind.

Es zeigt sich also, daß der Einfluß der Grundlagenfächer gering ist, obwohl vielfältige sachliche Verbindungen bestehen. Die Erforschung der Entwicklung des Todeskonzepts beim gesunden Kind fällt in das Gebiet der Entwicklungspsychologie. Hier weiß man über die Teilkonzepte „Nonfunktionalität“, „Irreversibilität“ und „Universalität“ inzwischen gut bescheid. Neuere Arbeiten haben zu einer wichtigen Differenzierung des Kenntnisstandes geführt. Arbeiten im Kontext der Terror-Management-Theorie sind genuin sozialpsychologischer Natur. Dies gilt auch für die Untersuchung der Interaktions- und Kommunikationsstrukturen zwischen Sterbenden und ihren Betreuern, zu der Soziologen bedeutende Beiträge geleistet haben. Die Entstehung von Angst und ihre Bewältigung durch psychische Abwehrstrategien sind unschwer der Emotions- und Motivationspsychologie zuzuordnen. Unter anderem sind hier die inzwischen klassischen Arbeiten von R. S. Lazarus und seinen Mitarbeitern einschlägig. Aus dem Bereich der Methodenlehre einschließlich der Wissenschaftstheorie ergeben sich für unser Thema Verbindungen mit Blick auf die Entwicklung von Theorien zur Erklärung des Erlebens gegenüber Sterben, Tod und Verlust, mit Blick auf ethische Fragen der Forschung an und mit Sterbenden und Trauernden, die sich in anderen Forschungsfeldern nicht stellen, sowie im Hinblick auf Fragen der Untersuchungspläne, die sich aus Besonderheiten des Untersuchungsgegenstandes ergeben (in Schlagworten: quasi-experimentelle Pläne und Verfügbarkeit von Vergleichsgruppen; Reaktivität; ökologische Validität der Ergebnisse).

Ein Grundlagenfach liegt mir besonders am Herzen, und das ist die Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. Die allgemeine Idee, intra- und interindividuelle Variabilität nicht als unliebsame Fehlervarianz zu betrachten, sondern sie als eigenständiges Phänomen aufzufassen und ihr Zustandekommen zu erklären, gilt selbstverständlich auch für die Fragestellungen der Thanatopsychologie. Ob man Einstellungen zu Sterben und Tod der Sozialpsychologie zuordnet oder sie unter anderer Bezeichnung in der Persönlichkeitsforschung ansiedelt, ist eine Frage des Ermessens. Ich plädiere für letzteres. Demnach handelt es sich bei der „Angst vor Sterben und Tod“ um eine bereichsspezifische Angstneigung, um Ängstlichkeit im Sinne eines Trait. Der nicht gerade geringe Kenntnisstand der Angstforschung im allgemeinen läßt sich dann nutzbar machen, um die spezifischen Dispositionen der Angst vor dem eigenen Sterben, vor dem eigenen Tod etc. zu beschreiben und zu erklären. Diese Möglichkeit wird auch auf der internationalen Ebene kaum wahrgenommen, vermutlich auch deshalb nicht, weil die meisten Forscher im Rahmen ihrer Promotion eine eng segmentierte, spezialisierte Ausbildung erfahren und eine vertiefte Anbindung an die Grundlagen des Mutterfaches nicht hergestellt haben.

Dies alles hat dazu beigetragen, daß hier zu Lande immer noch religiös bestimmte Überzeugungen und Intuition das Denken und Handeln weitgehend bestimmen. Es dominieren Meinungen über Fakten, weltanschauliche Positionsbestimmungen werden höher geschätzt als die Suche nach gesicherten Erkenntnissen. Die wenigen Wissenschaftler auf diesem Feld betreiben zuweilen eine Forschung, deren Bezug zum wirklichen Leben nicht unmittelbar ersichtlich ist; Praktiker verschiedener Professionen stützen ihre Arbeit häufig auf persönliche Erfahrungen und eine Fülle ungeprüfter Annahmen.

In dieser Situation ist es mein Anliegen, auf einer breiten wissenschaftlichen Grundlage die Gewinnung von Erkenntnissen über das Erleben und Verhalten von Menschen gegenüber Sterben, Tod und Verlust zu fördern, gewonnene Erkenntnisse zu verbreiten und ihre Umsetzung in Anwendungsfeldern zu unterstützen. Dies betrifft zum Beispiel Fragen wie die folgenden:

Mein Interesse gilt dabei sowohl Fragen der Grundlagenforschung (z.B. Entwicklung von Untersuchungsverfahren; Theorieentwicklung; Einstellungen gegenüber Sterben und Tod; Entwicklung des Todeskonzepts beim Kind; Erleben und Verhalten während des Sterbeprozesses, Determinanten des Trauerprozesses) als auch solchen der anwendungsbezogenen Forschung (unter anderen: Welche Effekte hat die Unterrichtung über Sterben, Tod und Trauer? Wie wird Sterbebegleitung von den Sterbenden einerseits und von den Betreuungspersonen andererseits erlebt? Ist Trauerbegleitung überhaupt wirksam und wenn ja, für welche Art von Trauernden?).

3 Bisherige Arbeiten – Work done so far

Meine systematische wissenschaftliche Beschäfigung mit dieser Thematik begann in der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Die wesentlichen Erträge dieser mehr als 45-jährigen Tätigkeit lassen sich wie folgt skizzieren.

3.1 Forschungsprojekte seit 1973

  1. Aufarbeitung des Kenntnis- und Forschungsstandes der Thanatopsychologie bis Mitte der 1970er Jahre (1973-1977) ⇔ Dissertation
  2. LEMI-Studie: Persönlichkeitsmerkmale in ihrer Beziehung zum Erleben gegenüber Sterben und Tod bei Personen im mittleren Erwachsenenalter. – Entwicklung des Würzburger Verfahrens zur Codierung von Interviewmaterial (WÜCI) sowie der Würzburger Auswertungsskalen für Interviewmaterial (WAI) (1980-1984 ⇔ Habilitationsschrift
  3. Konstruktion des Fragebogeninventars zur mehrdimensionalen Erfassung des Erlebens gegenüber Sterben und Tod (FIMEST; 1986-1995)
  4. Hospiz-Begleitstudie HOSP ´96 (1996-1997) – Kooperationspartner: K. W. Kallus
  5. Analyse verkehrspsychologischer Eignungsgutachten (1997-2003) – Kooperationspartner: W. Seitz
  6. Evaluation von Ausbildungskursen für den Umgang mit Sterbenden (1998-2000) Kooperationspartner: O. Krauß
  7. Englische Adaptation des FIMEST-E: MODDI-F (1999-2000)
  8. Konstruktion des Würzburger Trauerinventars (WüTi; 1999-2012)
  9. Chinesische Adaptation des FIMEST-E: MODDI-F/chin (2006-2010) Kooperationspartner: S. Ho, W. Chan
  10. Barrieren bei der Betreuung am Lebensende: Qualitative Analyse der Möglichkeiten und Grenzen gegenwärtiger Sterbebegleitung anhand der Aussagen von Expertinnen (2006-2008). – Kooperationspartnerin: C. Schröder
  11. Entwicklung des Fragebogens zur Erfassung suizidaler Gedankenbildung (FESG; 2006-2008) – Kooperationspartner: Y. Schusser; O. Storch
  12. Vexierbilder-Buch: Unkonventionelle Behandlung ausgewählter Aspekte der Todesthematik aus Sicht von Medizin, Psychologie und Philosophie (2003-2011). – Kooperationspartner: H. Strenge
  13. Publication Trends: Analyse der Publikationen in Death Studies und Omega 1991-2010 (2010-2014) – Kooperationspartner: K. J. Doka, R. A. Neimeyer
  14. Abschiedsbriefe: Analyse des Briefwechsels zwischen Helmuth J. v. Moltke und seiner Ehefrau von Oktober 1944 bis Januar 1945 (2014-).

3.2 Systematisierungen und kritische Bilanzierungen des Forschungs- und Kenntnisstandes – Systematizing and reviewing the state of the art

In mehreren Monographien und Übersichtsartikeln habe ich – auch gemeinsam mit amerikanischen Kollegen – versucht, den jeweils aktuellen Kenntnisstand der Psychologie des Todes zusammenzufassen, zu ordnen und kritisch zu bewerten. Eine umfassende Darstellung des Gebietes durch internationale Autorinnen und Autoren stellt der Sammelband Sterben, Tod und Trauer dar, der 2003 bei Kohlhammer erschienen ist.

In various monographs and review articles I have attempted – in part in collaboration with colleagues from the United States – to summarize and critically evaluate the state of the art in the field of dying and death.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. (1978). Tod und Sterben – Ergebnisse der Thanatopsychologie. Heidelberg: Quelle & Meyer.

Wittkowski, J. (1981). Zur Psychologie des Todes – gegenwärtiger Stand und zukünftige Perspektiven. In W. Michaelis (Hrsg.), Bericht über den 32. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 1980 in Zürich (S. 729-735). Göttingen: Hogrefe.

Wittkowski, J. (1984). Theoretische und methodologische Probleme der Thanatopsychologie. In J. Howe & R. Ochsmann (Hrsg.), Tod – Sterben – Trauer. Bericht über die 1. Tagung zur Thanato-Psychologie vom 4.-6. November 1982 in Vechta (S. 27-35). Frankfurt/M.: Klotz-Verlag.

Wittkowski, J. (1990). Psychologie des Todes. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Wittkowski, J. (1991). Der aktuelle Forschungsstand der Psychologie des Todes – eine Zwischenbilanz. In D. Frey (Hrsg.), Bericht über den 37. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Kiel 1990, Bd. 2 (S. 492-497). Göttingen: Hogrefe.

Wittkowski, J. (1999). Umgang mit Sterben und Tod: Wie lassen sich die Ergebnisse der Grundlagenforschung in der Praxis umsetzen? Report Psychologie, 24, 114-120.

Wittkowski, J. (2001). Psychologische Forschung zum Erleben gegenüber Sterben und Tod: Der Stand der Dinge. In R. Silbereisen & M. Reitzle (Hrsg.), Bericht über den 42. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Jena 2000 (S. 495-506). Lengerich: Pabst.

Wittkowski, J. (2002). Psychologie des Todes: Konzepte, Methoden, Ergebnisse. Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin, 23, 5-29.

Wittkowski, J. (Hrsg.) (2003). Sterben, Tod und Trauer. Grundlagen – Methoden – Anwendungsfelder. Stuttgart: Kohlhammer.

Neimeyer, R. A., Moser, R. P. & Wittkowski, J. (2003). Untersuchungsverfahren zur Erfassung der Einstellungen gegenüber Sterben und Tod. In J. Wittkowski (Hrsg.), Sterben, Tod und Trauer. Grundlagen – Methoden – Anwendungsfelder (S. 52-83). Stuttgart: Kohlhammer.

Neimeyer, R. A., Moser, R. P. & Wittkowski, J. (2003). Assessing attitudes towards death: Psychometric considerations. Omega, 47, 45-76.

Neimeyer, R. A., Moser, R. P. & Wittkowski, J. (2003). Psychologische Forschung zu Einstellungen gegenüber Sterben und Tod. In J. Wittkowski (Hrsg.), Sterben, Tod und Trauer. Grundlagen – Methoden – Anwendungsfelder (S. 108-131). Stuttgart: Kohlhammer.

Wittkowski, J. (2003). Epilog: Thanatologie heute und morgen. In J. Wittkowski (Hrsg.), Sterben, Tod und Trauer. Grundlagen – Methoden – Anwendungsfelder (S. 269-286). Stuttgart: Kohlhammer.

Neimeyer, R. A., Wittkowski, J. & Moser, R. P. (2004). Psychological research on death attitudes: An overview and evaluation. Death Studies, 28, 309-340.

Wittkowski, J., Schröder, C. & Bolm, G. (2004). Die Todesthematik in der Medizinischen Psychologie. Zeitschrift für Medizinische Psychologie, 13, 109-120.

Wittkowski, J. (2005). Einstellungen zu Sterben und Tod im höheren und hohen Lebensalter. Aspekte der Grundlagenforschung. Zeitschrift für Gerontopsychologie & -psychiatrie, 18, 67-79

Wittkowski, J. (2010). Sterben und Tod aus Sicht der Psychologie. In H. Wittwer, A. Frewer & D. Schäfer (Hrsg.), Handbuch Sterben und Tod (S. 50-61). Stuttgart: Metzler.

Wittkowski, J. (2010). Trauer (Psychologie). In H. Wittwer, A. Frewer & D. Schäfer (Hrsg.), Handbuch Sterben und Tod (S. 197-202). Stuttgart: Metzler.

Wittkowski, J. (2013). Forschung zu Sterben, Tod und Trauern: Die internationale Perspektive. Psychologische Rundschau, 64, 131-141.

3.3 Entwicklung von Untersuchungsverfahren zur Erfassung von Einstellungen gegenüber Sterben und Tod einerseits und zur Erfassung von Trauern andererseits – Development of research instruments for the assessment of attitudes toward dying and death on the one hand and for the assessment of grief on the other hand

3.3.1 WAI

Die Entwicklung von Forschungsmethoden erstreckt sich zum einen auf Leitfäden für halbstrukturierte Interviews, die im Rahmen des Würzburger Verfahrens der Codierung von halbstrukturiertem Interviewmaterial (WÜCI; siehe Bereich B) entwickelt wurden, und zum anderen auf psychometrische Fragebogenverfahren. Als Teil der Würzburger Auswertungsskalen für halbstrukturiertes Interviewmaterial (WAI; siehe Bereich B) wurden die Skalen „Angst vor dem eigenen Sterben“ (AES), „Angst vor dem eigenen Tod“ (AET), „Angst vor fremdem Sterben und Tod“ (AFST) und „Häufigkeit der gedanklichen Beschäftigung mit Sterben und Tod“ (HST) entwickelt. In Verbindung mit einem entsprechenden Interviewleitfaden ermöglichen diese Auswertungsskalen die mehrdimensionale Erfassung des Erlebens gegenüber Sterben und Tod; befriedigende Reliabilität der Auswertung (Auswerter-Übereinstimmung) ist nachgewiesen.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. (1987). Zur Erfassung emotional-motivationaler Merkmale anhand von Interviewmaterial: Darstellung und vorläufige Evaluation einer inhaltsanalytischen Methode. Zeitschrift für Differentielle und Diagnostische Psychologie, 8, 57-67.

Wittkowski, J. (1994). Das Interview in der Psychologie. Interviewtechnik und Codierung von Interviewmaterial. Opladen: Westdeutscher Verlag.

3.3.2 FIMEST

Das Fragebogeninventar zur mehrdimensionalen Erfassung des Erlebens gegenüber Sterben und Tod (FIMEST) überschreitet den Rahmen, der durch frühere englisch- wie deutschsprachige Fragebogen gesteckt wurde, insofern, als es nicht nur Angst vor Sterben und Tod, sondern auch Akzeptieren als mögliche Form des Erlebens gegenüber Sterben und Tod mehrdimensional zu erfassen sucht. Konzeptionelle Grundlage ist eine 2 × 4 – dimensionale Struktur, die sich aus der Unterscheidung von „Sterben“ und „Tod“ auf der einen Seite und derjenigen zwischen dem Bezug auf die eigene Person und dem Bezug auf andere Personen auf der anderen Seite ergibt. Daraus ergeben sich die folgenden A priori – Dimensionen: Angst vor dem eigenen Sterben; Angst vor dem eigenen Tod; Angst vor dem Sterben einer anderen Person; Angst vor dem Tod bzw. Verlust einer anderen Person; Akzeptieren des eigenen Sterbens; Akzeptieren des eigenen Todes; Akzeptieren des Sterbens einer anderen Person; Akzeptieren des Todes bzw. Verlusts einer anderen Person.

Das FIMEST steht in zwei Varianten zur Verfügung. Die itemanalytisch konstruierte Variante (FIMEST-R) bildet die A priori – Struktur mit Ausnahme der Dimension „Akzeptieren des Sterbens einer anderen Person“ exakt ab; sie besteht aus sieben Subtests und 65 Items. Die faktorenanalytisch konstruierte Variante (FIMEST-E) mit 47 Items in acht Subtests weicht teilweise von der A priori – Struktur ab. Sie enthält den Subtest „Angst vor Leichen“, der insbesondere im medizinisch-pflegerischen Bereich von Interesse sein kann. Im Bereich des Akzeptierens faßt der Subtest „Akzeptieren des eigenen Sterbens und des eigenen Todes“ zwei der A priori – Dimensionen zusammen. Schließlich enthält das FIMEST-E auch den Subtest „Innerliche Ablehnung des eigenen Todes“. Alle Items haben als Antwortformat eine vierstufige Likert-Skala („trifft gar nicht – etwas – überwiegend – weitestgehend zu“). Es besteht die Möglichkeit den vollständigen Itemsatz (FIMEST-G) durchzuführen und dann wahlweise eine oder auch beide Varianten auszuwerten.

Die Konstruktionsstichprobe des FIMEST besteht aus N = 944 Personen (426 Männer, 513 Frauen, 5 nicht klassifizierbar) im Alter von 18-93 Jahren (M = 51,6; s = 19,3). Es handelt sich um eine Stichprobe der allgemeinen Bevölkerung, die hinsichtlich Alter und Geschlecht annähernd gleichmäßig geschichtet ist.

Es liegen differenzierte Angaben zur Internen Konsistenz beider Testformen für Männer, Frauen sowie die Altersgruppen 20-39, 40-64 und über 65 Jahre vor (siehe Wittkowski, 1996, S. 27f.). In der Gesamtstichprobe liegt Cronbachs Alpha sowohl für das FIMEST-R als auch für das FIMEST-E zwischen 0.82 und 0.92. Die Wiederholungsreliabilität (Intervall: 17-18 Wochen) schwankt zwischen 0.39 und 0.85 (FIMEST-R) bzw. zwischen 0.26 und 0.83 (FIMEST-E), wobei allerdings zum Teil deutliche Geschlechterunterschiede bestehen. Insgesamt bestätigen die Daten die Annahme, daß es sich bei den hier erfaßten Komponenten der Einstellung zu Sterben und Tod um zeitlich stabile Eigenschaften bzw. Persönlichkeitsmerkmale handelt.

Die Interkorrelationen der Subtests zeigen für beide Varianten positive Zusammenhänge zwischen den Subtests innerhalb der Bereiche „Angst“ und „Akzeptieren“ und negative Korrelationen zwischen diesen Bereichen. Insgesamt belegen sie die differentielle Validität des Verfahrens und können auch als Hinweis die Konstruktvalidität der beiden Varianten betrachtet werden. Der Einfluß Sozialer Erwünschtheit ist bei Frauen vernachlässigenswert und bei Männern je nach Subtest in einem gewissen Ausmaß wirksam. Diese Frage bedarf der weiteren Abklärung.

Für beide Varianten des FIMEST stehen Normen (T-Werte) jeweils für Männer, Frauen sowie für die Altersgruppen 20-39, 40-64 und über 65 Jahre zur Verfügung. Seit Anfang 2002 gibt es das Verfahren auch in einer computergestützten Fassung im Rahmen des Hogrefe Testsystems.

Die faktorenanalytisch konstruierte Variante des FIMEST (FIMEST-E) liegt inzwischen unter der Bezeichnung MODDI-F auch in englischer Sprache vor (siehe Wittkowski, 2001). In mehr oder weniger enger Zusammenarbeit mit ausländischen Kolleginnen und Kollegen werden gegenwärtig spanische, portugisische und chinesische Adaptationen dieses Verfahrens entwickelt.

3.3.3 MODDI-F

The Multidimensional Orientation Toward Dying and Death Inventory (MODDI-F) was published in Death Studies (Wittkowski, 2001). This instrument consists of 47 items. Both the fear of dying and death and acceptance of dying and death can be assessed multidimensionally. The German predecessor of the MODDI-F has been constructed on the basis of a sample of N = 944, representing the general population and being stratified for age and sex (age span: 18-93 years). Internal consistency (Cronbach’s Alpha) varies between 0.82 and 0.92, depending on the subscale. In more or less close cooperation with international colleagues, Spanish, Portuguese, and Chinese adaptations of this instrument are presently under way.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. (1996). Fragebogeninventar zur mehrdimensionalen Erfassung des Erlebens gegenüber Sterben und Tod (FIMEST). Göttingen: Hogrefe.

Wittkowski, J. (2001). The construction of the Multidimensional Orientation Toward Dying and Death Inventory (MODDI-F). Death Studies, 25, 479-495.

Neimeyer, R. A., Moser, R. P. & Wittkowski, J. (2003). Untersuchungsverfahren zur Erfassung der Einstellungen gegenüber Sterben und Tod. In J. Wittkowski (Hrsg.), Sterben, Tod und Trauer. Grundlagen – Methoden – Anwendungsfelder (S. 52-83). Stuttgart: Kohlhammer.

3.3.4 MODDI-f/chin

Mittlerweile gibt es die chinesische Adaptation des FIMEST-E. Mit der deutschsprachigen (FIMEST-E), der englischen (MODDI-F) und der chinesischen Version (MODDI-F/chin) steht nun ein Verfahren zur Verfügung, das wie kaum ein anderes interkulturelle Vergleiche der Einstellungen zu Sterben und Tod ermöglicht.

Erste Ergebnisse sind vielversprechend. Exploratorische Faktorenanalysen (orthogonale Rotation nach dem Varimax-Kriterium) mit einem Datensatz aus Hongkong (N = 265) und sowohl mit als auch ohne festgelegte Faktorenzahl zeigen für den Merkmalsbereich „Ängstlichkeit“ eine Struktur, die derjenigen der deutschen Version für deutsche Probanden sehr weitgehend entspricht: Es lassen sich die Faktoren „Angst vor dem eigenen Sterben“, „Angst vor dem eigenen Tod“ sowie „Angst vor Leichen„ sowohl in der Gesamtstichprobe als auch in den Teilstichproben der Männer und Frauen in reiner Form abbilden. Items der Dimension „Angst vor dem Sterben anderer Menschen“ laden zu einem Teil auf dem Faktor „Angst vor Leichen“, zu einem anderen Teil bilden sie einen eigenen Faktor. Auffallend ist, daß „Angst vor dem Tod anderer Menschen“ nur bei den Frauen einen eigenständigen Faktor bildet, nicht hingegen in der Gesamtstichprobe und in der Teilstichprobe der Männer. – Was den Merkmalsbereich „Akzeptieren“ betrifft, so besteht vollkommene Übereinstimmung zwischen den deutschen und den chinesischen Daten: „Akzeptieren des eigenen Sterbens und Todes“, „Innerliche Ablehnung des eigenen Todes“ sowie „Akzeptieren des Todes anderer Menschen“ treten als klar konturierte Faktoren hervor.

Bereits aufgrund der FAen ergab sich ein gegenüber der Ausgangslage von 47 Items um drei Items verminderter Itemsatz. Itemanalysen führten zusätzlich zur Streichung eines Items (# 38-), so daß sich als Ergebnis der vorläufigen Testkonstruktion eine Gesamtzahl von 43 Items ergibt. Itemanalysen erbrachten ferner für sieben der acht Subtests des MODDI-F/chin sehr gute bis ausgezeichnete Reliabilitäten (Cronbachs Alpha zwischen .79 bis .91 in der Gesamtstichprobe). Es gibt jedoch eine Abweichung zum Negativen. Dies betrifft Skala AnFS mit Koeffizienten von .69 (Männer) bzw. .66 (Frauen) und .68 in der Gesamtstichprobe. Dieses unbefriediegende Ergebnis ist damit zu erklären, daß sich „Angst vor dem Sterben anderer Personen“ bei den Frauen faktorenanalytisch nicht abbilden läßt. Hinsichtlich dieser Dimension der Angst vor Sterben und Tod besteht (vorläufig) eine Inkonsistenz zwischen den Geschlechtern: Bei den Männern ist sie nachweisbar, bei den Frauen nicht. Um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse beider Versionen und damit den transkulturellen Einsatz des FIMEST zu erhalten, wird der Subtest AnFS trotz seiner unbefriedigenden Reliabilität beibehalten. Weitere Untersuchungen müssen zeigen, ob dies ein Ergebnis der vorliegenden Stichprobe ist, oder ob es sich um einen grundsätzlichen Geschlechterunterschied handelt.

Diese Ergebnisse sind selbstverständlich mit dem Vorbehalt der Vorläufigkeit behaftet; sie bedürfen der Bestätigung durch Daten aus anderen und umfangreicheren Stichproben. Gleichwohl geben sie einen ersten empirischen Hinweis darauf, daß ein hohes Maß an Übereinstimmung hinsichtlich der Einstellungen zu Sterben und Tod zwischen Menschen des chinesischen und des mitteleuropäischen Kulturraumes bestehen könnte.

Meanwhile, the adaptation of the MODDI-F to the Chinese language (MODDI-F/chin) has been done. There is now one instrument for the multidimensional assessment of attitudes toward dying and death in three languages (German: FIMEST-E; English: MODDI-F; Chinese: MODDI-F/chin) that enables unique cross-cultural comparisons.

Preliminary results are promising. Exploratory as well as confirmatory factor analyses (orthogonal rotation according to the Varimax criterium) with the Chinese data mentioned above show a structure for the area “fear” that corresponds with the German version of the questionnaire to a very high degree: The factors “Fear of one´s own dying”, “Fear of one´s own death”, and “Fear of corpses” can be figured out in pure shape in the total sample as well as in the sub-samples of men and women. Items of the dimension “Fear of other persons´ dying” partly load on the factor “Fear of corpses”, in part they constitute an own factor. Remarkably, “Fear of other persons´ death” forms an independent factor only within the sub-sample of the women, not, however, in the total sample and in the sub-sample of the men, respectively. – As the area of “acceptance” is concerned, there is complete correspondence between the German and the Chinese data: “Acceptance of one´s own dying and death”, “Inner rejection of one´s own death”, and “Acceptance of other persons´ death” appear as clearly shaped factors.

The results of the factor analyses alone led to the omission of three items. Subsequent item analyses resulted in the additional deletion of one item. Thus, as a consequence of the preliminary test construction the total number of items of the MODDI-F/chin is 43. Furthermore, item analyses revealed very good to excellent reliability (Cronbach´s Alpha between .79 and .91 in the total sample) for seven of the eight scales of the questionnaire. There is one unfavourable result, however. The scale Fear of Another Person´s Dying has the following coefficients of internal consistency: .69 (men), .66 (women), and .68 (men and women combined). The reason for this unsatisfactory result seems to be the failure to replicate the dimension “Fear of Another Person´s Dying” by means of factor analysis in the subsample of the women. Thus, there is an inconsistency between the genders with respect to this dimension. To preserve the comparability of results from the German, the Englisch, and the Chinese version of the MODDI-F, however, this scale is retained in the MODDI-F/chin for the present in spite of its low reliability. Further studies have to explore whether this is an effect of the present sample alone or a fundamental gender difference.

Of course, these results are to be seen as preliminary. They deserve confirmation by independent data and larger samples. Nevertheless, the present results may be regarded as a first hint that there might be a high degree of correspondence in the attitudes toward dying and death between people of the Chinese culture and those of the Central European culture.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J., Ho, S. M. Y. & Chan, W. C.-H. (2011). Factor structures of the Multidimensional Orientation Toward Dying and Death Inventory among college students in Hong Kong: A preliminary study. Death Studies, 35, 59-72.

Wittkowski, J., Ho, S. M. Y. & Chan, W. C.-H. (2012). The Chinese version of the Multidimensional Orientation Toward Dying and Death Inventory (MODDI-F/chin): An introduction. Omega, 64, 15-27.

Chan, W. C.-H. & Wittkowski, J. (2012). English adaptation versus mother tongue: Reliability of the English version of MODDI-F aministered to Hong Kong Chinese college students. Psychological Reports, 110, 1026-1028.

3.3.5 WüTi

Das Würzburger Trauerinventar (WüTi) ist ein neu entwickeltes (d.h. nicht aus dem Englischen übersetztes bzw. adaptiertes) Fragebogenverfahren, das die umfassende und zugleich differenzierte Abbildung des normalen Trauerprozesses bei verschiedenen Klassen Trauernder (z.B. ein Ehepartner nach dem Tod des anderen Partners; Eltern nach dem Tod ihres Kindes) ermöglicht. Das Verfahren wurde nach den Grundsätzen der Klassischen Testtheorie (Faktoren- und Itemanalysen) konstruiert. Es besteht aus 24 Items, die sich 5 Subtests zurordnen lassen. Die Bearbeitungszeit beträgt 8-12 Minuten.

Das WüTi besteht aus fünf Skalen (Kurzbezeichnung, Zahl der Items und Cronbachs α in Klammern):

Für diese Subtests stehen als Normen Prozentrang-Werte für Frauen und Männer zur Verfügung. Die Ergebnisse können in Profilblättern für Rohwerte und für Prozentrang-Werte graphisch dargestellt werden.

Die Interkorrelationen der Subtests bestätigen die Konstruktvalidität des Verfahrens. Korrelationen der Subtests mit Hautzingers Allgemeiner Depressionsskala (ADS-K) zeigen seine differentielle Validität: Das WüTi ist kein neues Verfahren zur Erfassung von Depressivität, sondern bildet Trauern als eigenständiges Merkmal ab.

Anwendungsfelder des WüTi im Bereich der Forschung sind neben der psychologischen Trauerforschung die Gesundheitspsychologie und Medizinische Psychologie, die Klinische Psychologie und Psychotherapieforschung sowie die gerontopsychologische Forschung. In der Praxis bestehen Anwendungsmöglichkeiten in der Begleitung, Beratung und Therapie Trauernder, in der gerontopsychologischen Arbeit sowie in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Trauerbegleitern und Trauerberatern.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. (2013). Würzburger Trauerinventar (WüTi). Mehrdimensionale Erfassung des Verlusterlebens. Handanweisung. Göttingen: Hogrefe.

3.4 Theorieentwicklung – Theory building

Auch wenn die lange Zeit bestehende Isolierung der Thanatopsychologie innerhalb der Psychologie insgesamt wenigstens teilweise überwunden zu sein scheint und ein Import auch von theoretischen Konzepten stattgefunden hat, fehlt eine umfassende und integrierende Theorie, die das Erleben gegenüber Sterben und Tod zu erklären vermag. Die meisten Ansätze erlauben es nicht, die Komplexität des Merkmalsbereichs, die sich aus seiner Mehrdimensionaliät ergibt, adäquat abzubilden.

Die Kernaussagen der Terror-Management-Theorie, der Theorie der persönlichen Sinnhaftigkeit und der Theorie der Gero-Transzendenz lassen sich zu einem einheitlichen Ansatz zur Erklärung der Angst vor dem eigenen Tod wie auch des Akzeptierens des eigenen Todes beim alten Menschen integrieren. Danach steht des Wissen um die eigene Sterblichkeit (rationales Erkennen) im Gegensatz zum Wunsch nach unbegrenztem Leben (affektive Ablehnung der rationalen Erkenntnis). Daraus resultiert eine Spannung, die mit Bedrohung und Angst einher geht. Die Auflösung („Bewältigung“) dieser Spannung erfolgt durch einen kognitiven Prozess der Umstrukturierung, dessen Resultat das Erleben von Sinnhaftigkeit ist. Im Prozess der persönlichen Sinngebung erfolgt beim alten Menschen eine Steigerung seines Selbstwertgefühls, und es werden dem Leben und dem Tod positive Bedeutungen zugewiesen. Im Idealfall äußert sich dies in einer nachlassenden Bindung an die Welt sowie – als Folge der Sinngebung – in einer akzeptierenden Haltung gegenüber dem Tod (siehe die schematische Abbildung bei Wittkowski, 2005).

In diesem Entwurf einer integrativen Theorie der Einstellungen zum Tod beim alten Menschen liegt der Akzent auf Bewertungen und insofern auf der kognitiven Komponente. Die affektive Komponente wird als Folge der Art und Weise gesehen, wie eine Person über ihren Tod denkt. Im Unterschied zum transaktionalen Konzept der Emotionsentstehung von Lazarus handelt es sich hier nicht um die bewertende Reaktion auf ein aktuelles Ereignis, sondern um die allmähliche Umbewertung eines Sachverhaltes, der „mitbewußt“ ist. Mit den Variablen „Bindung“ und „Sinnhaftigkeit“ enthält dieser Entwurf einer integrativen Theorie der Einstellungen zum Tod bei alten Menschen zwei übergreifende Konzepte thanatopsychologischer Forschung, die als Bindeglied zwischen dem Erleben gegenüber Sterben und Tod auf der einen Seite und Trauer auf der anderen Seite dienen können.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. (1980). Die Auseinandersetzung mit der Todesthematik – eine Determinante erfolgreichen Alterns? Zeitschrift für Gerontologie, 13, 552-559

Wittkowski, J. (1984).Theoretische und methodologische Probleme der Thanatopsychologie. In J. Howe & R. Ochsmann (Hrsg.), Tod – Sterben – Trauer. Bericht über die 1. Tagung zur Thanato-Psychologie vom 4.-6. November 1982 in Vechta (S. 27-35). Frankfurt/M.: Klotz-Verlag.

Wittkowski, J. (1998). Angst vor Sterben und Tod – von der Empirie zur Theorie. Zeitschrift für Differentielle und Diagnostische Psychologie, 19, 71.

Wittkowski, J. (2003). Epilog: Thanatologie heute und morgen. In J. Wittkowski (Hrsg.), Sterben, Tod und Trauer. Grundlagen – Methoden – Anwendungsfelder (S. 269-286). Stuttgart: Kohlhammer.

Wittkowski, J. (2005). Einstellungen zu Sterben und Tod im höheren und hohen Lebensalter. Aspekte der Grundlagenforschung. Zeitschrift für Gerontopsychologie & -psychiatrie, 18, 67-79

3.5 Entwicklung des Todeskonzepts beim (gesunden) Kind – Development of the death concept in the (healthy) child

Am Todeskonzept von Kindern kann man eine kognitive und eine emotionale Komponente unterscheiden. Die Subkonzepte „Irriversibilität“, Nonfunktionalität“, „Universalität“ und „Kausalität“ sind gut gesichert. In einer früheren Arbeit ging es um die Frage, in welcher Reihenfolge sich diese Subkonzepte entwickeln. In einer späteren Untersuchung stand das Zusammenwirken von kognitiven und emotionalen Faktoren im Mittelpunkt. Die Zunahme negativer Gefühle bei der (sprachfreien) Konfrontation mit Sterben und Tod verlief parallel zur Entwicklung des Verständnisses der Subkonzepte „Irreversibilität“ und „Nonfunktionalität“. Diese Erkenntnisse haben unmittelbar Bedeutung für den Umgang mit unheilbar kranken Kindern und für die Ausbildung ihrer Betreuungspersonen.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. & Schnell, H. (1981). Strukturen der Todesvorstellung bei 8-14jährigen. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 13, 304-311.

Wittkowski, J. (1992). The development of healthy children´s conceptions of death. International Journal of Psychology, 27(3/4), 237.

3.6 Korrelate von Einstellungen gegenüber Sterben und Tod – Correlates of attitudes toward dying and death

Dies ist ein intensiv beforschter Teilbereich der Thanatopsychologie, dessen praktischer Nutzen nicht unmittelbar ersichtlich sein mag. Legt man jedoch eine Beziehung zwischen überdauernden Verhaltensdispositionen und aktueller Befindlichkeit zugrunde, wie sie durch Spielbergers State-Trait-Theorie postuliert wird und empirisch bestätigt worden ist, so gestattet die Kenntnis etwa der Ausprägung des Merkmals „Angst vor dem Sterben anderer Menschen“ eine Vorhersage des Erlebens und Verhaltens im Umgang mit Sterbenden.

Über folgende Merkmale liegen besonders umfangreiche und fundierte Befunde bezüglich ihrer Beziehung zu Angst vor Sterben und Tod einerseits und zu Akzeptieren von Sterben und Tod andererseits vor: Alter, Geschlecht, (subjektiver) Gesundheitszustand bzw. seelische Gesundheit, Religiosität, Lebenszufriedenheit, Selbstwertgefühl, Psychopathologie. In der Regel wurden Korrelationen von lediglich mittlerer Höhe gefunden.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. & Baumgartner, I. (1977). Religiosität und Einstellung zu Tod und Sterben bei alten Menschen. Zeitschrift für Gerontologie, 10, 61-68.

Wittkowski, J. (1988). Relationships between religiosity and attitudes Towards death and dying in a middle-aged sample. Personality and Individual Differences, 9, 307-312.

Lester, D. & Wittkowski, J. (1999). Religiosity and pathology. Psychological Reports, 85, 834.

Neimeyer, R. A., Moser, R. P. & Wittkowski, J. (2003). Psychologische Forschung zu Einstellungen gegenüber Sterben und Tod. In J. Wittkowski (Hrsg.), Sterben, Tod und Trauer. Grundlagen – Methoden – Anwendungsfelder (S. 108-131). Stuttgart: Kohlhammer.

Wittkowski, J. (2005). Einstellungen zu Sterben und Tod im höheren und hohen Lebensalter. Aspekte der Grundlagenforschung. Zeitschrift für Gerontopsychologie & -psychiatrie, 18, 67-79

Wittkowski, J. (2016). Coping and attitudes toward dying and death in German adults. Omega – Journal of Death and Dying, 72, 316-339.

3.7 Sterbeprozeß und Sterbebegleitung – Dying process and end of life care

Die Beiträge der Grundlagenforschung zum Verlauf des Sterbeprozesses sind vielfach merkwürdig unbestimmt. Obwohl mehrere Phasen-Modelle des Sterbens eine Integration und die empirische Überprüfung eines solchen integrativen Phasen-Modells nahe legen, ist dies bisher nicht erfolgt. Ein Grund dafür könnte sein, daß konzeptionelle Klärungen noch ausstehen. Ein weiterer Grund könnte in der Ansicht liegen, einen unheilbar Kranken zum Gegenstand objektivierender Forschung zu machen, sei ethisch nicht vertretbar.

Sterben, d.h. der Beginn des Sterbeprozesses und seine Dauer, ist bisher kaum explizit, umfassend und systematisch definiert worden. Eine eigene Definition des Sterbens (Wittkowski, 2010) sieht das Vorhandensein sowohl objektiver als auch subjektiver Bedingungen als notwendig vor, damit ein Mensch als Sterbender bezeichnet werden kann. Diese psychologisch-verhaltenswissenschaftliche Kennzeichnung des Sterbens sieht im Sterbebewußtsein das zentrale Merkmal einer u. U. langen Phase im Leben eines Menschen. Diese Definition kann insofern eine gewisse Allgemeingültigkeit beanspruchen, als mit ihr sieben Möglichkeiten abgedeckt werden, wie man zu Tode kommen kann: Sterben aufgrund einer körperlichen Erkrankung; Sterben infolge eines Unfalls; Sterben infolge anderer äußerer Gewalteinwirkung; Hinrichtung; Selbsttötung; Plötzlicher Kindstod; Sterben an Altersschwäche. Die Definition kann Auswirkungen auf die verhaltenswissenschaftliche Erforschung des Sterbeprozesses, auf die Art der Sterbebegleitung, auf Aus-, Fort- und Weiterbildung von Betreuungspersonen sowie auf Entscheidungen im politischen Raum und in der Rechtsprechung haben.

Dying, i.e. the beginning and duration of the dying process, has rarely if ever been defined explicitly in a comprehensive and systematic way. My own definition of dying (Wittkowski, in press) includes the existence of objective as well as subjective conditions as prerequisites in order to regard a person as dying. This psychological description of dying takes the consciousness of dying for the central characteristic of a dying process that may be quite long. This definition may assume a certain general applicability since it covers seven kinds of coming to death: Dying of a physical disease; dying in consequence of an accident; dying in consequence of some other external force; execution; suicide; sudden infant death; dying of old age. The definition may have impact on psychological research of the dying process, on the way of caring for dying people, on death education, on decisions in the political sphere, and on the judiciary.

In einer Längsschnittstudie mit quasi-experimentellem Untersuchungsplan, die K. Rehberger unter meiner Leitung durchführte, ging es um die Frage: Lassen sich unterschiedliche Phasen des Sterbeprozesses bei Bewohnern eines Altenheims abbilden? Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich für die Personen der Untersuchungsgruppe über die (letzten) acht Wochen vor Eintritt des Todes, für die Probanden der Vergleichsgruppen betrug er jeweils sechs Wochen. Es gab eine Untersuchungsgruppe und zwei Vergleichsgruppen. Untersuchungsverfahren waren die Verhaltensbeobachtung sowie ein Befindlichkeitsfragebogen (Fremdbeurteilung). Beide Untersuchungsverfahren wurden von Betreuungspersonen aufgrund ihrer Eindrücke im Umgang mit den Patienten bearbeitet. Es zeigte sich, daß sich anhand quantitativer psychometrischer Fremdbeurteilungsverfahren bei den Sterbenden in den letzten Wochen vor ihrem Tod keine Veränderung ihrer Stimmungslage nachweisen läßt, die mehr wäre als zufällige Schwankungen. Man kann ferner sagen, daß sich die Sterbenden hinsichtlich Aktiviertheit, gehobener bzw. gedrückter Stimmung und Gereiztheit nicht überzufällig von normalen Krankenhauspatient/innen und normalen Bewohner/innen eines Altenwohnheims unterscheiden.

Die zweite Untersuchung, die gemeinsam mit Prof. Dr. K. W. Kallus durchgeführt wurde, befaßte sich mit der aktuellen Stimmungslage sowie mit dem Erleben gegenüber Sterben und Tod bei ehrenamtlichen Hospiz-Helferinnen. Auch hier handelt es sich um eine Längsschnitt-Studie, und auch hier gibt es eine Vergleichsgruppe. Die Fragestellungen lauteten:

  1. Wie ist die aktuelle Stimmungslage ehrenamtlich Helfender, die unheilbar Kranke über einen längeren Zeitraum betreuen?
  2. Verändern sich Angst vor Sterben und Tod einerseits und Akzeptieren von Sterben und Tod andererseits infolge der Konfrontation mit Krankheit, Sterben und Tod anderer Menschen?

Die Datenerhebung erfolgte über 12 Monate von Anfang Oktober 1995 bis Ende September 1996 an zwei Hospiz-Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen. Die Untersuchungsteilnehmer waren ganz überwiegend weiblich. Alle Teilnehmer der Untersuchungsgruppe waren Neulinge, die zunächst eine Vorbereitungsphase von einigen Wochen durchliefen („Befähigung“) und dann mit der Betreuungsarbeit begannen – oder auch nicht. Die Untersuchungsteilnehmer der Kontrollgruppen sind hinsichtlich Alter und Geschlecht mit jenen der Untersuchungsgruppen vergleichbar (parallelisiert), waren aber nicht in der Betreuung Kranker engagiert (sog. Paarlinge). Als Untersuchungsverfahren diente (unter anderen) die Eigenschaftswörterliste (EWL), mit der die aktuelle Stimmungslage in mehrern Dimensionen erfaßt werden kann (z.B. „Erregtheit“, „Ärger“, „Angst“) sowie das Fragebogeninventar zur mehrdimensionalen Erfassung des Erlebens gegenüber Sterben und Tod (FIMEST; Wittkowski, 1996), das sowohl Angst vor Sterben und Tod als auch Akzeptieren von Sterben und Tod mit hoher Zuverlässigkeit zu erfassen gestattet. Die Daten wurden mittels multivariater Varianzanalyse mit Meßwiederholungen auf Veränderungen in den Mittelwerten geprüft.

Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Die Betreuungstätigkeit hat die aktuelle Stimmungslage der Betreuenden nicht beeinflußt; insbesondere hat sie Angst und Depression (als aktuelle Befindlichkeiten) nicht gesteigert.
  2. Eine Veränderung der Ängstlichkeit mit Blick auf Sterben und Tod (als zeitlich stabile Eigenschaft) infolge der Konfrontation mit Krankheit, Sterben und Tod war nicht feststellbar.
  3. In allen fünf Teilaspekten der Angst vor Sterben und Tod (als zeitlich stabiler Disposition) hatten die Betreuenden im Untersuchungszeitraum schwächere Angst als die Untersuchungsteilnehmerinnen der Kontrollgruppe.
  4. Eine Veränderung des Akzeptierens von Sterben und Tod (als zeitlich stabiler Eigenschaft) aufgrund der Betreuungstätigkeit fand bei den Betreuenden nicht statt.
  5. Die Betreuenden akzeptierten Sterben und Tod (als zeitlich stabile Disposition) in stärkerem Maße als die Untersuchungsteilnehmerinnen der Kontrollgruppe.
  6. Mit Blick auf das Erleben gegenüber Sterben und Tod deuten die Ergebnisse insgesamt auf einen Effekt der Selbstselektion hin: Jene Personen, die sich für eine ehrenamtliche Betreuungstätigkeit in den Hospizeinrichtungen engagierten, hatten von vornherein schwächere Angst vor Sterben und Tod, neigten stärker zu Akzeptieren von Sterben und Tod und waren hinsichtlich ihres Erlebens gegenüber Sterben und Tod einheitlicher als jene Personen, die nicht in der Betreuung Sterbender engagiert waren.
Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. (1993). Die psycho-soziale Betreuung Sterbender: Konzepte, Verfahrensweisen und Ergebnisse zur Effizienzkontrolle. In F. Baumgärtel & K.-F. Wilker (Hrsg.), Klinische Psychologie im Spiegel ihrer Praxis (S. 215-220). Bonn: Deutscher Psychologen Verlag.

Wittkowski, J. (1994). Hauptstichwort „Sterbebegleitung“. In F. Stimmer (Hrsg.), Lexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit (S. 487-490). München: Oldenbourg.

Wittkowski, J. (1997). Sterbebegleitung – Auf dem Weg zur Integration in alle sozialen und gesellschaftlichen Bereiche. In Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Hospizbewegung in NRW – Neue Wege in der Sterbebegleitung. Dokumentation der Fachtagung am 5. Juli 1995 in Bochum (S. 33-48). Düsseldorf.

Wittkowski, J. & Kallus, K.W. (1997). Stimmungslage und Erleben gegenüber Sterben und Tod bei ehrenamtlichen Hospizhelfern – Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung. In G. Richardt, G. Krampen & H. Zayer (Hrsg.), Beiträge zur Angewandten Psychologie (S. 90-93). Bonn: Deutscher Psychologen Verlag.

Wittkowski, J. (2000). Intervention bei Professionellen und Laienhelfern: Umgang mit Sterben, Tod und Trauer(n). In H.-W. Wahl & C. Tesch-Römer (Hrsg.), Angewandte Gerontologie in Schlüsselbegriffen (S. 341-346). Stuttgart: Kohlhammer.

Wittkowski, J. & Rehberger, K. (2000). Quasi-experimentelle Verlaufsstudie zum Erleben und Verhalten Sterbender. In J. Neuser & J. T. De Bruin (Hrsg.), Verbindung und Veränderung im Fokus der Medizinischen Psychologie (S. 117-118). Lengerich: Pabst.

Wittkowski, J. (2001). Erleben und Verhalten bei der Begegnung mit Sterben und Tod – Ergebnisse der Psychologie des Todes. In M. Schlagheck (Hrsg.), Theologie und Psychologie im Dialog über Sterben und Tod (S. 11-46). Paderborn: Bonifatius.

Wittkowski, J. & Dingerkus, G. (2003). Psychologie in der Begleitung Sterbender und ihrer Angehörigen. In A. Schorr (Hrsg.), Psychologie als Profession. Das Handbuch (S. 546-555). Bern: Huber.

Wittkowski, J. (2004). Sterben und Trauern: Jenseits der Phasen. Pflegezeitschrift, 57(12), 2-10.

Wittkowski, J. & Dingerkus, G. (2005). Sterbebegleitung. In D. Frey & C. Graf Hoyos (Hrsg.), Psychologie in Gesellschaft, Kultur und Umwelt. Handbuch (S. 207-213). Weinheim: Beltz.

Wittkowski, J. & Schröder, Chr. (Hrsg.) (2008). Angemessene Betreuung am Ende des Lebens – Barrieren und Möglichkeiten zu ihrer Überwindung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Wittkowski, J. (2010). Psychische Belastungen von ehrenamtlichen Hospizhelferinnen: Sress am Sterbebett? Pflegezeitschrift, 63, 344-346.

Wittkowski, J. (2011). Sterben – Ende ohne Anfang? In J. Wittkowski & H. Strenge (Hrsg.), Warum der Tod kein Sterben kennt. Neue Einsichten zu unserer Lebenszeit (S. 29-104). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Wittkowski, J. (2012). Zur Psychologie des Sterbens – oder: Was die zeitgenössische Psychologie über das Sterben weiß. In F.-J. Bormann & G. D. Borasio (Hrsg.), Sterben. Zum Verständnis eines anthropologischen Grundphänomens (S. 50-64). Berlin: De Gruyter.

Wittkowski, J. (2012). Reaktionsformen im Angesicht des absehbaren eigenen Todes. In W. Eckart & U. Anderheiden (Hrsg.), Handbuch Sterben und Menschenwürde, Bd. 1 (S. 579-596). Berlin: De Gruyter.

Wittkowski, J. (2014). Ängste von Betreuungspersonen beim Umgang mit Sterbenden. In T. Hax-Schoppenhorst & A. Kusserow (Hrsg.), Das Angst-Buch für Pflege- und Gesundheitsberufe. Praxishandbuch für die Pflege und Gesundheitsarbeit (S. 153-166). Bern: Huber.

3.8 Ausbildungsprogramme für den Umgang mit unheilbar Kranken und Sterbenden (Death Education)

In nennenswertem Umfang findet Unterrichtung über Sterben, Tod und Trauer in der Hospizarbeit und in der palliativmedizinischen Versorgung statt. Allein die sogenannte Befähigung neuer ehrenamtlicher Helfer wird in der Regel mit einigem Aufwand betrieben. Für erfahrene Hospizhelfer wie auch für professionelle Pflegekräfte wird eine Vielzahl von Kursen, Seminaren und Workshops angeboten, die darauf abzielen, die psychischen Belastungen der Betreuungstätigkeit zu mindern.

Wittkowski und Krauß (2000) haben 18 deutschsprachige Beschreibungen von Kursen für den Umgang mit Schwerstkranken hinsichtlich ihrer konzeptionellen Merkmale, ihrer Ansprüche, ihrer Inhalte und ihrer didaktischen Methoden anhand eines differenzierten Merkmalskatalogs evaluiert. Die Kursbeschreibungen weisen in Konzeption, Inhalten und Methoden große Unterschiede auf, und wissenschaftliche Kriterien werden bei ihrer Entwicklung und Evaluation nur teilweise angewandt. Für die zukünftige Entwicklung und Durchführung derartiger Kurse empfehlen die Autoren u.a., die wesentlichen Inhalte der Kursbeschreibungen transparenter und einheitlicher darzustellen, die Lernzielebene des manifesten Verhaltens stärker zu betonen und systematische Wirksamkeitsforschung zu betreiben.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. (2000). Beschreibendes Stichwort „Death Education“. In Lexikon der Psychologie, Bd. 1 (S. 292). Heidelberg: Spektrum Akad. Verlag.

Wittkowski, J. & Krauß, O. (2000). Konzeption, Inhalte und Methoden deutschsprachiger Kurse für den Umgang mit Schwerstkranken. Zeitschrift für Medizinische Psychologie, 9, 177-192.

Wittkowski, J. (2012). Ars moriendi durch Erziehung? Zur Unterrichtung über Sterben, Tod und Trauer. In D. Schäfer, C. Müller-Busch & A. Frewer (Hrsg.), Perspektiven zum Sterben. Auf dem Weg zu einer Ars moriendi nova? (S. 63-75). Stuttgart: Steiner.

3.9 Streßverarbeitung und Einstellungen zu Sterben und Tod – Coping and attitudes toward dying and death

In einer bisher unveröffentlichten Untersuchung gemeinsam mit Prof. Dr. K. W. Kallus ging es um die Frage, inwieweit sich die Bewältigung psychischer Belastungen auch auf die emotionale Bewertung des Erlebens gegenüber Sterben und Tod erstreckt. Bei einer umfangreichen Stichprobe (N = 862; 367 Männer, 495 Frauen) im Alter zwischen 20 und 93 Jahren wurde sowohl der Streßverarbeitungsfragebogen (SVF) als auch das Fragebogeninventar zur mehrdimensionalen Erfassung des Erlebens gegenüber Sterben und Tod (FIMEST) durchgeführt. Korrelationen zwischen den Subtests beider Fragebogen ergaben spezifische Muster für Männer und Frauen sowie für alte Menschen über 65 Jahren. Insgesamt läßt sich jedoch weder bei Männern noch bei Frauen, weder bei jungen noch bei alten Erwachsenen eine Streßbewältigungsstrategie identifizieren, die zur Reduktion der Angst vor Sterben und Tod beiträgt.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. (2010). Psychische Belastungen von ehrenamtlichen HospizhelferInnen: Stress am Sterbebett? Pflegezeitschrift, 63, 344-346.

Wittkowski, J. (2010). Stress am Sterbebett? Psychische Belastungen von ehrenamtlichen Hospizhelfer/innen. NOVAcura, 9/10 | 10, 58-60.

Wittkowski, J. (2016). Coping and attitudes toward dying and death in German adults. Omega – Journal of Death and Dying, 72, 316-339.

3.10 Psychologische Trauerforschung

Die Konstruktionsstichprobe des Würzburger Trauerinventars (WüTi, N = 521) wurde dazu verwendet, um zwei Fragestellungen nachzugehen. Zum einen ging es um den mittel- und langfristigen Verlauf des Trauerprozesses. Durch Bildung der Variablen „Zeit seit Verlust“ und entsprechende Gruppierung von Probanden wurde eine längsschnittliche Datenerhebung simuliert. Es zeigten sich überzufällige Veränderungen in zwei Skalen des WüTi während der ersten zweieinhalb Jahre nach dem Todesfall. Innerhalb des ersten Jahres nehmen Beeinträchtigungen durch unangenehme Gedanken und Gefühle einerseits und das Empfinden der Nähe zu der verstorbenen Person andererseits an Intensität stark zu, während der folgenden 12 bis 18 Monate aber ähnlich stark ab. Dabei leiden Frauen stärker unter dem Verlust einer nahen Bezugsperson als Männer. Auf längere Sicht, d.h. über den Zeitraum von drei Jahren hinaus, lassen sowohl die Beeinträchtigungen als auch das Empfinden der Nähe zur verstorbenen Person beständig nach. Interessant ist, dass am Ende der „heißen Phase“ des Trauerns ein Zugewinn sowohl an positiven Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten als auch die Fähigkeit zu Anteilnahme und Mitgefühl mit anderen Menschen stattgefunden hat, der auch mehr als 10 Jahre nach dem Verlust erhalten bleibt. Schuldgefühle bleiben langfristig nahezu unverändert auf einem mittleren Intensitätsniveau.

Diese Ergebnisse bedürfen der Bestätigung durch längsschnittlich erhobene Daten. Obwohl vorläufig, können sie einige gängige Vorstellungen vom Trauern in Frage stellen. Neben Kummer ist Trauern auch mit persönlichem Wachstum verbunden, das von den Betroffenen rückblickend positiv erlebt wird. Die Bewältigung des Verlusts eines geliebten Menschen kann also zu einer vorteilhaften Veränderung des Betroffenen führen. Die Zeit bringt den Schmerz des Trauerns nicht zum Verschwinden, sie vermag ihn aber zu lindern. Trauern ist ein Prozess, der sich lange hinzieht. Für viele Betroffene ist er nicht nach wenigen Monaten und nicht einmal nach dem traditionellen Trauerjahr abgeschlossen. Nach den Ergebnissen dieser Studie scheint sich erst im zweiten Jahr nach dem Verlust zu entscheiden, ob Beeinträchtigungen abnehmen oder auf hohem Niveau bestehen bleiben, ob also ein normaler Bewältigungsprozess oder eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt. Für die Diagnose einer Anhaltenden Komplexen Trauerreaktion nach DSM-5 ist dies von eminenter Bedeutung.

Die zweite Fragestellung betrifft Prädiktoren des Trauerns, die im Falle komplizierter Trauer als Risikofaktoren anzusehen sind. Erfaßt wurden die Beziehung zur verstorbenen Person in Gestalt des Verwandtschaftsverhältnisses sowie die Todesart. Es zeigte sich, dass Beeinträchtigungen des Denkens und Fühlens einerseits und das Empfinden der Nähe zur verstorbenen Person andererseits stärker ausgeprägt sind, wenn ein Kind oder der Ehegatte zu beklagen sind, verglichen mit dem Verlust eines Elternteils oder eines Bruders bzw. einer Schwester. Was die Todesart betrifft, äußerten Angehörige von Opfern einer Selbsttötung stärkere Schuldgefühle als Angehörige von Personen, die durch Krankheit oder Unfall ums Leben gekommen waren. Der überraschende (durch Unfall) oder vorhersehbare Eintritt des Todes (aufgrund einer Krankheit) hatte keinen statistisch bedeutsamen Einfluss auf die Intensität unlustbetonter Gedanken und Gefühle der Hinterbliebenen.

Diese Befunde, die erstmals an Personen aus dem deutschen Sprachraum gewonnen wurden, zeigen, dass sich an dem Merkmal „Trauern“ mehrere eigenständige Aspekte unterscheiden lassen. Trauern hat also viele Erscheinungsformen. Art und Intensität des Verlusterlebens verlaufen unterschiedlich, je nach dem, in welcher Beziehung die verstorbene Person zum Hinterbliebenen stand und auf welche Art sie ums Leben kam. Personen, deren Ehegatte oder Kind sich das Leben genommen hat, sind besonders anfällig für eine Anhaltende Komplexe Trauerreaktion. Diese Erkenntnis hat Auswirkungen auf die Begleitung, Beratung und psychotherapeutische Behandlung Trauernder.

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J. & Scheuchenpflug, R. (2015). Zum Verlauf ‚normalen‘ Trauerns: Verlusterleben in Abhängigkeit von seiner Dauer. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 23, 169-176.

Wittkowski, J. & Scheuchenpflug, R. (2016). Trauern in Abhängigkeit vom Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen und von der Todesart. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 24, 107-118.

3.11 Langfristige Publikationstrends in der Thanatologie / Analyzing publication trends in international journals

Gemeinsam mit Dr. K. Doka, dem Herausgeber der Zeitschrift Omega, und Dr. R. Neimeyer, dem Herausgeber von Death Studies, wurden langfristige Trends in den Veröffentlichungen dieser beiden Fachzeitschriften untersucht. Allgemein geht es um die Frage, welche Inhalte mit welchen Methoden von Autoren welcher Nationalitäten im Verlauf der letzten 20 Jahre untersucht und publiziert wurden und inwieweit sie mit übergreifenden gesellschaftlichen wie auch fachspezifischen Strömungen in Verbindung gebracht werden können.

In collaboration with Dr. K. Doka, Editor-in-Chief of Omega, and Dr. R. Neimeyer, Editor-in-Chief of Death Studies, a study on long-term trends in these journals has been conducted. The questions addressed by this study are: Which topics have been investigated and published with which methods and by authors of which nationality during the last 20 years? And how far can trends be interpreted as reflecting broader currents in society in general and in the behavioral sciences in particular?

Veröffentlichungen / Publications:

Wittkowski, J., Doka, K. J., Neimeyer, R. A. & Vallerga, M. (2015). Publication trends in thanatology: An analysis of leading journals. Death Studies, 39, 453-462.

Doka, K. J., Neimeyer, R. A., Wittkowski, J., Vallerga, M. & Currelley, L. (2016). Productivity in thanatology: An international analysis. Omega – Journal of Death and Dying, 73, 340-354.

4 Register

Die Gliederungsangaben in diesem Sachregister (z.B. 3.3) beziehen sich auf die Abschnitte des Bereichs C.